Die Grand Challenges der OÖ. Industrie bis 2030

Seit mehr als einem Jahr beschäftigt sich die Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) intensiv mit den großen globalen Entwicklungen, die wesentliche Auswirkung auf die OÖ. Industrie und den Industriestandort Oberösterreich haben. Dazu hat der IV OÖ-Vorstand im Rahmen von Workshops zwölf sogenannte „Grand Challenges“ definiert, die für die Betriebe und das Land im kommenden Jahrzehnt entscheidende Herausforderungen darstellen.

Sie wurden nach Wichtigkeit und Dringlichkeit priorisiert sowie in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit geclustert. Zu jeder dieser Herausforderungen wurden aus internationaler Perspektive knapp 40-seitige Dossiers erstellt. Ihre Inhalte stellen die Basis der Arbeit des neu gewählten Präsidiums und des Vorstands der IV OÖ dar. Alle zwölf Themen sind mit unmittelbaren aktuellen Entwicklungen verbunden, die auszugsweise in weiterer Folge thematisiert werden.

 

IV OÖ-Vizepräsidentin Mag. Elisabeth Engelbrechtsmüller-Strauß
Grand Challenges: Energie- & Rohstoffversorgung, Klima- & Umweltschutz

Das globale Energiesystem wird weiter elektrifiziert

„Der globale Energiebedarf wird – vor allem getrieben durch die Schwellen- und Entwicklungsländer Asiens – weiter steigen. Prognosen gehen von Erhöhungen zwischen 20 und 35 Prozent bis zum Jahr 2040 aus. Der Energiemix wird in Zukunft stark geprägt durch China und Indien, die nach wie vor große Teile ihres Bedarfs durch Kohle decken. Bis 2040 wird erwartet, dass rund 70 Prozent des globalen Energiebedarfs auf die Stromerzeugung entfallen und das globale Energiesystem weiter elektrifiziert wird. Erneuerbare Energien sollen dabei ihren Anteil am globalen Elektrizitätsmix deutlich steigern. Neben dem Energieverbrauch wird auch der Abbau von Rohstoffen weiter zunehmen und bis 2060 jährlich um etwa 1,5 Prozent pro Jahr wachsen.

Europa generiert aktuell fast ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung bei einem CO2-Anteil von unter 10 Prozent. Die Europäische Kommission hat sich eine noch umweltschonendere, energieeffizientere europäische Wirtschaft zum Ziel gesetzt. So sollen die Treibhausgasemissionen in der EU bis 2050 auf 80 Prozent des Standes von 1990 gesenkt werden. Die europäische Industrie ist die weltweit CO2-effizienteste und führend in Energie- und Umwelttechnologien. Um mit Ländern wie China, Südkorea oder Japan wettbewerbsfähig bleiben zu können, braucht es eine Investitionsoffensive in die Forschung von Energietechnologien. Einer der Schwerpunkte sollten Speicher- und H2-Technologien bilden. Diese sind nicht nur erforderlich, um die volatile Herstellung von Energie aus Wind und Sonne zu balancieren. Mit zunehmender Dekarbonisierung werden effiziente Batteriespeicher- und Wasserstoff-Technologien auch zu Schlüsseltechnologien in Branchen wie der Luftfahrt oder der Fahrzeugindustrie. Wasserstoff wird in der Zukunft zudem eine zentrale Rolle als Energieträger in der Stahlerzeugung spielen müssen.“

IV OÖ-Vizepräsident Dipl.-Ing. Stefan Pierer
Grand Challenges: Fachkräftemangel, MINT-Nachwuchs, Finanzierungs- und Kapitalmarkt

MINT-Fachkräfte sind die massgebliche ressource der Industrie

„Die Zahl der qualifizierten Arbeitskräfte wird laut Prognosen weltweit von 1,66 Mrd. Arbeitnehmern im Jahr 2011 auf 2,16 Mrd. im Jahr 2040 steigen. Dabei werden neue qualifizierte Arbeitskräfte hauptsächlich aus Schwellen- und Entwicklungsländern kommen. In den Industrieländern wird hingegen aufgrund der Demographie ein Rückgang an Fachkräften prognostiziert. Aufgrund des technologischen Fortschritts werden die Anforderungen an die Qualifizierung der Mitarbeiter weiter steigen. Die globalen Migrationsströme von Fachkräften zeigen, dass sich der weit überwiegende Teil von Hochqualifizierten in englischsprachigen Industrieländern wie USA, Kanada oder Großbritannien niederlässt. Fachkräfte mit MINT-Ausbildung stellen die maßgebliche Ressource für die wirtschaftlich-technologische Entwicklung von Regionen dar. Deren ausreichende Verfügbarkeit stellt den zentralen Engpass für die Entwicklung der heimischen Industrie dar. Bis 2025 soll die Nachfrage nach qualifizierten Technikern um über 12 Prozent steigen. Europa hat im Vergleich zu den USA und Asien eine nachteilige demographische Entwicklung zu verzeichnen. Umfassende Verbesserungen im bestehenden Bildungssystem wie auch im Bereich des „Life Long Learnings“ aber auch in der Mobilität der Menschen am europäischen Arbeitsmarkt sind notwendig, damit den dynamischen technologischen Herausforderungen im nächsten Jahrzehnt in Europa begegnet werden kann.

Stabile und funktionierende Finanz- und Kapitalmärkte sind zentrale Eckpfeiler der Weltwirtschaft. Die Geldpolitik der niedrigen Zinsen und des ‚Quantitative Easing‘, das Ankaufen von Staatsanleihen durch die EZB, führte zu günstigen Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und Staaten. Infolgedessen hat die globale Verschuldung mit 184 Billionen US-Dollar oder rund 225 Prozent des globalen BIP im Jahr 2017 ein Rekordhoch erreicht. Die Risiken für die globalen Finanz- und Kapitalmärkte und damit für die Realwirtschaft bleiben hoch. Eine Rezession könnte zu weitflächigen Zahlungsausfällen und finanziellen Schieflagen von Staaten und Unternehmen führen. Eine weitere disruptive Entwicklung erfährt das Finanzsystem durch technologische Innovationen, beispielsweise durch Blockchain oder Künstliche Intelligenz.“

IV OÖ-Vizepräsident Dipl.-Ing. F. Peter Mitterbauer
Grand Challenges: Geopolitische Machtverhältnisse, Zukunft der Mobilität

Die Abhängigkeit von China und Indien nimmt weiter zu

„Die Weltwirtschaft befindet sich im Umbruch und die ökonomischen Kraftzentren verschieben sich in Richtung Asien. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis China die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt überholen wird. Betrachtet man das BIP Chinas in Kaufkraftparität, so hat es die USA bereits 2014 als größte Volkswirtschaft abgelöst. Mit 1,4 Prozentpunkten trägt China alleine mehr zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei als alle OECD-Staaten zusammen. Ab Mitte der 2030er-Jahre sollte wiederum Indien China als größten Treiber der Weltwirtschaft ablösen. Die Abhängigkeit Europas von China, Indien und anderen Schwellenländern nimmt damit weiter zu.

Die Globalisierung und der zunehmende Freihandel waren in den letzten Jahrzehnten die Treiber für Wachstum und Wohlstand weltweit. Seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise nehmen jedoch protektionistische Maßnahmen und Handelsbarrieren wieder zu. Eine Eskalation der Handelsstreitigkeiten könnte negative Auswirkungen auf das Konjunkturumfeld haben und in eine Rezension führen. Österreich mit seiner global vernetzten Industrie wäre davon besonders stark betroffen. Geopolitische Entwicklungen sind für Europa nicht nur aus Handelssicht, sondern auch in den Bereichen der Energie- und Rohstoffversorgung von höchster Bedeutung. Geopolitische Spannungen verursachen Unsicherheiten für die exportorientierte Industrie. Eine Branche, die darunter besonders leidet, ist die europäische Automobilindustrie, die weltweit technologisch führend ist. Die Mobilität wird durch neue Geschäftsmodelle, Antriebssysteme, das autonome Fahren und die digitale Vernetzung im nächsten Jahrzehnt massiven Veränderungen unterliegen. Auch die Mobilität von Zügen, Schiffen und Flugzeugen wird sich gravierend verändern, neue Logistik-Konzepte werden den Güterverkehr revolutionieren. Die Fahrzeugindustrie ist eines der entscheidenden Stärkefelder des Landes, Oberösterreich muss bei der Entwicklung der Mobilität der Zukunft eine federführende Rolle einnehmen.“

IV OÖ-Präsident Dr. Axel Greiner
Grand Challenges: Zukunft Europas, Digitalisierung und neue Technologien, Cybersecurity

Mit neuen Technologien die Abwanderung der Industrie verhindern

„Europa und insbesondere Zentraleuropa ist weltweit führend in der Automatisierung und Digitalisierung der industriellen Produktion. In der Vergangenheit hat Asien den Kampf um die Vorherrschaft in der IKT-Hardware gewonnen, die USA sind dominierend bei Software bzw. bei der digitalen Vernetzung des Menschen. Aktuell ist der Wettstreit bei der Vernetzung der Maschinen, Fabriken und Fahrzeuge in vollem Gange. Europa kann es sich nicht erlauben, nach der Abwanderung z.B. der Textil-, Elektronik- oder Mobiltelefonie-Industrie auch noch den Maschinen- und Fahrzeugbau zu verlieren.

Gerade Deutschland, Österreich und der Schweiz ist es gelungen, eine De-Industrialisierung in den letzten Jahrzehnten zu verhindern und im Gegenteil starkes Wachstum und weltweite Erfolge zu erzielen. Die technologischen Trends der Zukunft sind u. a. Künstliche Intelligenz, Quantencomputer oder neue Energiespeicher-Technologien. Damit muss es gelingen, die Abwanderung der Industrie aus Europa zu verhindern und weltweit neue Standards in der Digitalisierung von Produkten und Prozessen sowie in die Energieversorgung zu setzen. Nur ein gemeinsames, starkes Europa kann auf Augenhöhe mit China und den USA agieren und technologisch ein „Front-Runner“ bleiben. Es braucht eine ‚Europäische Industrie-Strategie 2030‘, die Forschung, Innovation, Digitalisierung, Arbeitsmarkt und Energiepolitik umfasst. Die produzierende Wirtschaft in Europa ist für insgesamt mehr als 52 Mio. Arbeitsplätze verantwortlich. Eine zukunftsfähige Industriepolitik der EU muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie ins Zentrum rücken.

Industrie 4.0 führt auch zu völlig neuen Herausforderungen im Bereich der Cyber-Security, digital vernetzte Wertschöpfungsketten erhöhen das Risiko des Abflusses sensibler Daten. Den Bedrohungen aus dem Netz muss durch Unternehmen und Politik entsprechend begegnet werden.“

Grand Challenges: Good Governance und gesellschaftspolitische Entwicklungen

Österreich hat wieder auf den Pannenstreifen gewechselt

„Die Verantwortung für die Gesellschaft ist für die IV historisch ein besonderes Anliegen. Aktuell zeigen Entwicklungen wie beispielsweise wiederaufkommende Sozialismus-Träumereien, Verstaatlichungsideen, alter Klassenkampf, die Thematisierung der sozialen Ungleichheit oder auch die Flüchtlingsdebatte die hohe Bedeutung gesellschaftspolitischer Orientierung auf. Zunehmende Ängste und steigende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den Antworten der Politik auf diese Entwicklungen sind die Folge. Kapitalismus, soziale Marktwirtschaft, Globalisierung und Migration haben den heutigen Wohlstand unserer Gesellschaft ermöglicht. Die Unzufriedenheit mit diesen Faktoren führt zu einem Aufschwung links- wie rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa. Die Antworten dieser Parteien sind unzureichend, greifen zu kurz und würden Freiheit, Wohlstand, Sozialsysteme und Umweltqualität massiv verschlechtern. Gesellschaftliche Trends wie Alterung, Migration oder Urbanisierung bieten auch zahlreiche Chancen für Energie-, Umwelt- und Infrastrukturtechnologien der OÖ. Industrie.

Die Entwicklungen der letzten Wochen zeigen mehr als deutlich auf, wie entscheidend eine gute Regierungsführung und ein professionelles, leistungsfähiges, effizientes und transparentes öffentliches Steuerungs- und Regelungssystem sind. Die Reputation des Standortes Österreich hat in den letzten Wochen massiv gelitten, Österreich hat von der Überholspur wieder auf den Pannenstreifen gewechselt. Nach der Wahl muss die neue Bundesregierung wieder rasch an Fahrt aufnehmen und entsprechende Reformen und Veränderungen umsetzen. Dazu zählen die Fortsetzung des Null-Schulden-Kurses, die Steuerreform, das Vorantreiben von Bildung, Forschung und Digitalisierung und das Angehen großer Reformen beispielsweise im Pensionssystem. Zu einer Good Governance zählen auch Innovationen und die Digitalisierung in der Verwaltung.“

Kontakt

DI Dr. Joachim Haindl-Grutsch

Geschäftsführer, Industriellenvereinigung Oberösterreich

T +43 732 781976 16
joachim.haindl-grutsch@iv.at


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