Ohne Kunststoff kein modernes Leben

60 Mio. Tonnen Kunststoffe werden jährlich in Europa verarbeitet und in unzähligen Produktgruppen – von Verpackungen über Flugzeug- und KFZ-Komponenten bis hin zur Wärmedämmung – eingesetzt. Vielfach tragen Kunststoffe zur CO2-Einsparung bei, im medizinischen Bereich helfen sie sogar, Leben zu retten. Kurz gesagt: Ohne Kunststoffe ist unser heutiges Leben nicht denkbar, wie Greiner-CEO Dipl. Betriebsw. (DH) Axel Kühner und EREMA-CEO Dipl.-Ing. Manfred Hackl bei den Industrie-Gesprächen von Oberbank und IV OÖ vor 600 Gästen erklärten. Daher gehe es nicht darum, Plastik zu vermeiden, sondern den Plastikmüll!

Dipl.-Ing. Manfred Hackl (CEO EREMA Group), Dipl. Betriebsw. (DH) Axel Kühner (CEO der Greiner AG) und IV OÖ-Präsident Dr. Axel Greiner (v.l.n.r.)

Fünf Kunststoffmüll-Strudel jeweils in der Größe von Texas treiben derzeit in den Ozeanen weltweit. Selbst das ist nur die Spitze des sinnbildlichen Eisberges: 95 Prozent des gesamten Plastikmülls treiben nicht an der Wasseroberfläche, sondern liegen am Meeresgrund. Für Dr. Axel Greiner, Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ), steht es außer Frage, dass die Plastikmüll-Problematik eine ernste ist und unbedingt gelöst werden muss. Das Thema wird allerdings zu einseitig und unsachlich diskutiert, denn Kunststoff trage massiv zur Senkung von CO2-Emissionen weltweit bei. „Nirgendwo gibt es auf so engem Raum so geballte Kunststoff-Kompetenz wie in unserem Land, in Oberösterreich wird die gesamte Wertschöpfungskette abgedeckt. Wissenschaft und Industrie arbeiten hier eng zusammen und bieten konkrete Möglichkeiten zur Lösung der weltweiten Kunststoffmüll-Problematik an.“

Dipl. Betriebsw. (DH) Axel Kühner, CEO der Greiner AG, zeigte anhand konkreter Zahlen auf, wie hoch der Stellenwert von Kunststoffen für die Erhaltung unseres Lebensstandards ist: Mehr als 350 Mio. Tonnen Kunststoffe würden jährlich weltweit produziert, rund 60 Mio. Tonnen Kunststoffe würden jährlich in Europa verarbeitet, wovon 40 Prozent auf Verpackungen entfallen. „Nur zwei Prozent des weltweiten Kunststoffabfalls in den Meeren werden von Europa verursacht, 95 Prozent aber von den afrikanischen und asiatischen Staaten“, betonte Kühner. Der Grund dafür liege im Fehlen von funktionierenden Abfallwirtschaftssystemen in den betreffenden Ländern. Gerade deswegen müsse Europa hier Vorreiter sein. Denn als universelles Material trage Kunststoff entscheidend zur Ressourcenschonung bei, nur zwei Gramm Plastik als Verpackung eingesetzt würden beispielsweise die Haltbarkeit von Lebensmittel entscheidend erhöhen. Dabei verbrauchen Kunststoffe deutlich weniger Ressourcen als ihre Alternativen: hinsichtlich der Masse stehen 39 Mio. Tonnen Verpackungskunststoffe pro Jahr insgesamt 146 Mio. Tonnen alternativer Materialien gegenüber, deren Erzeugung über den gesamten Lebenszyklus gerechnet einen um 57 Prozent höheren Energieverbrauch oder um 61 Prozent höhere Treibhausgasemissionen verursachen würde. „Als Interieur oder als Bauteile von Flugzeugen und Autos ermöglichen Kunststoffe massive Gewichtseinsparungen und damit wiederum deutliche CO2-Reduktionen“, erklärt Kühner. Letztlich stehe fest, dass unser modernes Leben ohne Kunststoffe nicht mehr denkbar ist. Der Grundsatz dürfe daher nicht lauten „Weg mit dem Plastik!“, sondern „Nicht Plastik muss vermieden werden, sondern der Plastikmüll!“. Es gelte dafür zu sorgen, das Kunststoff kein Abfall, sondern Rohstoff ist. Völlig unbekannt sei zudem, dass der mit Abstand größte Anteil an Mikroplastik in der Umwelt nicht von Kosmetika oder Bekleidungsfasern stammt, sondern vom Abrieb der Autoreifen.

Wie dies gelingt, zeigt die EREMA Group. Als Weltmarkt- und auch als Technologieführer hat das Unternehmen von Ansfelden aus das Kunststoffrecycling und die Herstellung von Recyclinganlagen weltweit revolutioniert. Mehr als 6.000 Recyclinganlagen von EREMA sind laut CEO Dipl.-Ing. Manfred Hackl weltweit in Betrieb. Und auch für ihn steht fest, dass die Lösung nicht im Vermeiden von Kunststoff, sondern im Recyceln und Wiederverwenden desselben liegt. „Die technischen Möglichkeiten haben sich mittlerweile enorm gesteigert, die Dynamik der Entwicklung ist hoch“, bestätigte Hackl. So sei es vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen, PET-Flaschen einer bottle-to-bottle-Verwertung zuzuführen, vor zwei Jahren sei es noch nicht möglich gewesen, Schrumpf- und Stretchfolien aus Regranulat zu erzeugen. Dass dies vor einem Jahr nicht nur möglich geworden, sondern auch in Umsetzung gegangen ist, liege maßgeblich an der in vielen Bereichen führende Kunststoffindustrie in Oberösterreich. Wie groß deren weltweite Bedeutung ist, zeige etwa die größte internationale Kunststoffmesse „K“ in Düsseldorf – Österreich sei dort das weltweit viertgrößte Ausstellerland. „Auch aus technischer Sicht ist Oberösterreich Spitzenreiter bei Kunststoff- und Recycling-Innovation“, hob Hackl im Oberbank Donau-Forum hervor und lieferte dazu konkrete Zahlen: „Seit den 1950er-Jahren sind etwa 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoffe produziert worden. Daraus entstanden bislang 6,3 Milliarden Tonnen Kunststoffmüll, etwa 570 Millionen Tonnen wurden bis heute der Wiederverwertung zugeführt.“ Als das „Silicon Valley des Kunststoff-Recyclings“ habe Oberösterreich mit seiner Kunststoff- und Recycling-Kompetenz wesentlichen Anteil am Aufkommen und an den Fortschritten des Kunststoffrecyclings. „Die Industrie hat klar erkannt, dass Kreisläufe gemeinschaftlich geschlossen werden müssen und das Thema weltweit vorangetrieben werden muss“, so EREMA-CEO Hackl, der ein globales „Rethinking“ einforderte. IV OÖ-Präsident Dr. Axel Greiner wies in der Podiumsdiskussion darauf hin, dass für die Kunststoffmüll-Thematik das Gleiche gelte wie für die weltweiten Energie-, Umwelt- und CO2-Probleme: „Sie alle lassen sich nur technologisch lösen, die Industrie ist dabei Teil der Lösung und nicht das Problem“, betonte Greiner. Daher sollte bei der CO2-Problematik die gleiche Herangehensweise gewählt werden, wie beispielsweise beim Ozonloch-Thema: Zuerst wurde das Problem analysiert und eine Lösung erarbeitet; in weiterer Folge wurden die Partner weltweit ins Boot geholt und dann erst Verbote ausgesprochen. Auch bei der Reduktion des CO2-Ausstoßes sollten alle ins Boot geholt werden, ehe Verbote erlassen werden.

Linz, 25. November 2019

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