Wissenschaftsförderung: Wofür sollen begrenzte Steuermittel verwendet werden?

„Porsche & Piëch, Mayr-Melnhof, Mateschitz & Co: Über die Vermögensstrukturen der reichsten Familien Österreichs ist erstaunlich wenig bekannt. Forschende in Linz haben in einer Studie die Wirtschaftsnetzwerke analysiert, die die „oligarchische Vermögenselite“ des Landes umgeben.“

So bewirbt der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) in seinem Newsletter eines der aktuell geförderten Projekte. Studienleiter ist Stephan Pühringer, Leiter des Socio-Ecological Transformation Lab am Linz Institute for Transformative Change und stellvertretender Leiter des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der JKU.

Allein die Bezeichnung „oligarchische Vermögenselite Österreichs“ irritiert massiv. Als Oligarchen wurden jene Unternehmer bezeichnet, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion staatliches Eigentum aneigneten und politische Macht kauften. Nun werden namentlich österreichische Unternehmerfamilien wie Mateschitz, Porsche-Piëch oder Mayr-Melnhof unter demselben Begriff geführt. Noch bemerkenswerter sind allerdings die politischen Schlussfolgerungen der Studie. Gefordert werden Vermögens- und Erbschaftssteuern, eine stärkere Regulierung von Privatstiftungen und schließlich sogar Überlegungen zu Obergrenzen für Kapitalakkumulation und Vermögen.

Über eines schweigt die Studie jedoch völlig: Österreich verdankt seinen Wohlstand gerade jenen Familienunternehmen, die über Generationen investiert, Risiken übernommen und hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen haben. Ohne diese Unternehmen gäbe es weder die Steuerleistung noch den Sozialstaat in seiner heutigen Form. Wer Vermögen ausschließlich als demokratiegefährdende Machtkonzentration betrachtet, blendet seine wirtschaftliche Funktion völlig aus. „Von mit Steuergeld finanzierter Wissenschaft darf man sich mehr als eine einseitige und rein ideologische Argumentation erwarten“, betont Dr. Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ).

Die IV OÖ nahm das zum Anlass, sich einige aktuell geförderte wissenschaftliche Projekte anzusehen. Nachfolgend nur ein kleiner Auszug aus wissenschaftlichen Projekten 2025/2026, die vom FWF mit jeweils 200.000 bis 500.000 EUR gefördert wurden:

  • Demokratisierung der Psychiatrie im postjugoslawischen Raum
  • Adornos Ästhetik im Zeitalter des Anthropozäns
  • Poetiken der relationalen und intersektionalen Identitäten
  • Ableism, the dis/ability binary and beyond
  • Autorenschaft und Aktivismus: Literatur, Politik, Celebrity
  • Autonomie vs. Zugang: (Queere) Tänzer:innen im TanzSport
  • Frauen-Translation-Aktivismus
  • Queer Partisaning als filmische Vagabundage
  • Netzwerke anglophoner LGBTQ+-Exil-Autoren 1900–1969
  • Studien zu queeren Lesarten der Hebräischen Bibel

Seriöse Debatte notwendig

Österreich hat ein hochattraktives Forschungsförderungssystem. Der Vergleich mit der FFG zeigt, dass unterschiedliche Wirkungsbegriffe möglich sind. Aber „anders messen“ bedeutet nicht „gar nicht messen“. Es gibt mehr wissenschaftlich exzellente Projekte als Geld. Sobald das so ist, findet eine Priorisierung statt. Die eigentliche politische Frage lautet also nicht, ob priorisiert werden soll, sondern nach welchen Kriterien – und ob wissenschaftsinterne Peer-Review-Kriterien dafür allein ausreichen.

Nachfolgend die wichtigsten Argumente:

  1. Grundlagenforschung muss keinen kurzfristigen Business Case liefern. Daraus folgt aber nicht, dass sie von jeder Frage nach gesellschaftlichem Mehrwert oder Priorität ausgenommen wäre. Wenn der Staat Mittel verteilt, entscheidet er immer auch darüber, welches gute Projekt nicht finanziert wird. Damit existieren reale Opportunitätskosten innerhalb der Wissenschaft selbst.
  2. „Wissenschaftlich exzellent“ und „förderpolitisch prioritär“ sind zwei verschiedene Fragen. Ein Projekt kann methodisch hervorragend, international publizierbar und von Fachkollegen hoch bewertet sein – und trotzdem kann die Gesellschaft legitim fragen, ob es gegenüber anderen exzellenten Projekten Vorrang haben sollte.
  3. Grundlagenforschung braucht keinen unmittelbaren Nutzen – aber zumindest eine plausible Wirkungskette. Selbst der FWF beschreibt seine Ergebnisse als Beiträge zu wissenschaftlichem Fortschritt und Innovation in vielen gesellschaftlichen Bereichen. 
  4. Je weniger unmittelbarer Nutzen messbar ist, desto wichtiger wird die Qualität der Begründung. „Es ist Grundlagenforschung“ darf nicht zu einem Totschlagargument werden, welches jede Nachfrage nach Relevanz beendet.
  5. Forschungsfreiheit schützt insbesondere die Freiheit der Forschung; sie begründet aber keinen automatischen Anspruch auf staatliche Finanzierung eines konkreten Vorhabens.
  6. Gerade „Orchideenforschung“ muss möglich bleiben. Wer nur kurzfristig verwertbare Forschung finanziert, beschädigt das Wissenschaftssystem. Daraus folgt aber nicht das gegenteilige Extrem, wonach jede noch so eng begrenzte Spezialfrage allein deshalb förderwürdig sei, weil ihr Nutzen unvorhersehbar sein könnte. Entscheidend sind wissenschaftliches Potenzial, Originalität und Verhältnis von Ressourcen zu erwartbarem Erkenntnisgewinn. 
  7. In Sparzeiten steigt die Begründungslast. Wenn bei privaten Haushalten, Pensionen, in der Verwaltung, bei Sozialleistungen oder im Gesundheitssystem gespart werden muss und die Steuerlast für Bürger und Unternehmen wie auch die staatliche Verschuldung immer weiter steigen, ist es demokratisch schwer vermittelbar, einen Bereich öffentlicher Ausgaben davon auszunehmen.
  8. Man darf auch nach dem tatsächlichen Output fragen. Eine systematische Ex-post-Evaluation wäre daher keine „Ökonomisierung der Wissenschaft“, sondern normale Rechenschaft. 
  9. Bei stark normativ aufgeladenen Projekten kommt ein Kriterium hinzu: Gibt es Ergebnisoffenheit oder steht das politisch gewünschte Resultat implizit schon fest?
  10. Wissenschaftler leiten auch politische Empfehlungen aus ihren Ergebnissen ab. Dann ist die legitime Frage: Finanziert der FWF hier Erkenntnisgewinn oder gesellschaftspolitische Intervention? 

„In Zeiten hoher Budgetdefizite trotz Rekordsteuereinnahmen muss sich auch die wissenschaftliche Grundlagenforschung einer Diskussion über die Wirksamkeit des dafür eingesetzten Steuergeldes und ihrem Beitrag zu Fortschritt und Innnovation für Österreich stellen. In staatlich finanzierten Bereichen ohne ‚Skin in the Game‘ – also ohne persönliches finanzielles oder unternehmerisches Risiko – müssen gerade in Zeiten des Spardrucks besonders hohe Qualitätskriterien Standard sein. Das ist der Staat dem Steuerzahler schuldig“, betont Haindl-Grutsch abschließend.