OÖ. Industriekonjunktur an der Wasseroberfläche angekommen

Erstmals seit dem ersten Quartal 2023 kann sich das OÖ. Industriebarometer knapp über die Nulllinie kämpfen. Während die aktuelle Geschäftslage weiter im leicht negativen Bereich zu liegen kommt, bleiben die Betriebe in ihrer Einschätzung für die nächsten sechs Monate vorsichtig optimistisch. Die neuen Zahlen der Konjunkturumfrage der IV OÖ für das vierte Quartal zeigen jedoch auch klar auf, dass der Personalabbau in der OÖ. Industrie unvermindert weiter geht.

Industrie im Auge des Kostenorkans

„Die Konjunktureinschätzung hellt sich trotz der völligen Unplanbarkeit globaler Entwicklungen leicht auf. Die aktuellen Zahlen zeigen eine vorsichtige Erholung der Stimmung in den Betrieben, von einem echten Aufschwung wird man heuer allerdings nicht sprechen können. Oberösterreich verfügt über zahlreiche Betriebe, die besonders erfolgreich in Technologie- und Marktnischen agieren, ihre Kosten an die Kunden weitergeben können. Der Großteil der Unternehmen in den Hauptbranchen der OÖ. Industrie können dies aber nicht. Die grundlegenden Standortprobleme in Österreich sind ungelöst und die generelle preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe ist weiterhin enorm belastet“, betont der Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) Dr. Joachim Haindl-Grutsch. „Höhere Personal- und Energiekosten im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern und die ungebremste Bürokratielawine führen dazu, dass Mitarbeiter in Oberösterreich abgebaut werden und Wertschöpfung ins Ausland verlagert wird“, so Haindl-Grutsch. „Die OÖ. Industrie befindet sich weiterhin im Auge des Kostenorkans und muss alles Hebel in Bewegung setzen, um die Produktivität zu steigern.“

Robuste Weltwirtschaft, keine neuen Belastungen

Im Rahmen des traditionellen Wirtschafts- und Finanzmarktausblicks der IV OÖ gaben auch JKU-Professor Teodoro D. Cocca und voestalpine CFO Gerald Mayer eine Einschätzung der aktuellen globalen wirtschaftlichen Entwicklungen. Cocca betonte, dass die Weltwirtschaft auch 2026 trotz aller geopolitischen Unsicherheiten mit 3,3 Prozent robust wachsen wird. Österreich wächst zwar auch wieder, hinkt aber im europäischen Vergleich weiterhin hinterher. „Es wird für Österreich besser, aber nicht gut. Zusätzlich bleibt die Prognose für unser Land weiterhin sehr fragil mit einer hohen Schwankungsbreite“, so Cocca. International sieht Cocca keine KI-Blase sondern eine Blase bei der Verschuldung von Staaten, insbesondere jener der USA.

Gerald Mayer verwies auf die breite Aufstellung der voestalpine, wodurch insgesamt eine solide Entwicklung trotz Rezession möglich war. Auch die voestalpine ist von den enormen Kostensteigerungen bei Personal und Energie stark betroffen. „Die voestalpine investiert massiv in die Reduktion der CO2-Emissionen und macht damit ihre Hausaufgaben. Ausreichend Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen und eine Verlängerung der Gratiszertifikate müssen durch die Politik ermöglicht werden“, betont Mayer und warnt vor weiteren Belastungen der Stahlindustrie.

Die Konjunktur-Ergebnisse im Detail

Die Ergebnisse der Konjunkturumfrage der IV OÖ über das vierte Quartal 2025 (90 teilnehmende Firmen mit insgesamt rund 105.000 Beschäftigten) zeigen eine Fortsetzung der leichten konjunkturellen Aufhellung. Das Konjunkturbarometer der OÖ. Industrie, welches sich als Mittelwert aus aktueller Geschäftslage und der Geschäftslage in sechs Monaten errechnet, überschreitet mit +7,5 Punkten, erstmals seit März 2023 wieder die Nulllinie. Die Ursache dafür ist in der verbesserten aktuellen Geschäftslage zu finden. Diese erholt sich auf -4 Punkte nach -23 Punkten im Vorquartal, bleibt aber im negativen Terrain. Die Einschätzung der Geschäftslage in sechs Monaten bleibt mit +19 Punkten unverändert positiv zum Vorquartal.

Die Werte zum aktuellen Auftragsbestand verbessern sich im vergleichbaren Ausmaß von 
-22 auf nunmehr -4 Punkte, ebenfalls jene zu den Auslandsaufträgen von -20 Punkten auf -12 Punkte. Die Einschätzungen der Produktionstätigkeit in drei Monaten steigt von -1 auf +15 Punkte, während die Auslastung der Produktionskapazitäten in drei Monaten leicht von +20 Punkten auf +17 Punkte fällt. Auch die Verkaufspreise in drei Monaten drehen von -4 auf +2 Punkte in den leicht positiven Bereich. Begleitet werden diese positiven Entwicklungen aber von einer weiterhin sehr angespannten aktuellen Ertragssituation (–26 nach –42 Punkten), der Ausblick auf die Ertragssituation in sechs Monaten verbessert sich von +4 auf +12 Punkte. Der Kostendruck in den Betrieben wird in dieser Kennzahl deutlich sichtbar.

Am deutlichsten spiegelt sich die Krise des Industriestandortes Österreich infolge der enormen Kostensteigerungen und des damit einhergehenden Verlusts an preislicher Wettbewerbsfähigkeit innerhalb Europas am Arbeitsmarkt wider. Die Einschätzung für den Beschäftigtenstand in drei Monaten bleibt mit -31 Punkten (nach
-39 Punkten) weiterhin tiefrot, der Arbeitsplatzverlust in der OÖ. Industrie setzt sich fort. „41 Prozent der Betriebe planen, Personal abzubauen, nur 9 Prozent wollen Mitarbeiter aufbauen“ so Haindl-Grutsch. „Die Deindustrialisierung am heimischen Standort durch Verlagerungen von Wertschöpfung ins Ausland setzt sich fort und die Bundespolitik gibt darauf keine unmittelbar wirksamen Antworten.“

Der Staat als stark übergewichtiger Patient braucht Soforthilfsmaßnahmen

Die 110-seitige Industriestrategie ist aus Sicht der IV OÖ eine hervorragend geeignete Handlungsanleitung: 6 Ziele, 9 Schlüsseltechnologien und 114 Maßnahmen spannen einen strategischen Bogen für die industriepolitische Arbeit bis 2035 auf. In Normalzeiten eine ideale Strategie zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Industrie in Österreich, in Krisenzeiten aber nicht ausreichend, weil die Ursachen für die Krise Österreichs nicht behoben werden.

„Der Staat gleicht einem stark übergewichtigen Patienten: Die Belastung ist sichtbar, die Symptome sind akut. Doch bevor man über langfristige Diäten und Therapiekonzepte spricht, braucht es zuerst Soforthilfsmaßnahmen, die unmittelbar wirken. Wenn die Luft knapp wird, zählt zunächst die schnelle Entlastung und erst im Anschluss der Trainingsplan für die nächsten Jahre.“, erklärt Haindl-Grutsch. „Österreich weist die dritthöchste Staatsausgabenquote, die vierthöchste Steuerquote und das fünfthöchste Budgetdefizit der EU aus.“ 

Also: Spitze beim Geldeintreiben und -ausgeben, Schlusslicht beim Wachstum und bei den Staatsfinanzen. Die Folge Stagflation und ein Produktivitätsniveau, dass aktuell auf dem Niveau von 2016 liegt. 2027 wird das BIP pro Kopf auf dem Niveau von 2019 liegen. „Österreich hat mit enormen Staatsausgaben ein verlorenes Jahrzehnt produziert. Solange das Budget nicht durch Ausgabenkürzungen saniert, die Steuern- und Abgabenquote gesenkt und Reformen beim Pensions-, Gesundheits- und Fördersystem umgesetzt sowie Verwaltung und Bürokratie radikal verschlankt werden – solange wird das Vertrauen in den Standort bei Investoren und Konsumenten nicht im notwendigen Ausmaß zurückkehren, um einem kräftigen Aufschwung auszulösen “, betont IV OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch abschließend.

Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der IV beteiligten sich in Oberösterreich 90 Unternehmen mit rund 105.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen gebildet.