Das Boot hat weiterhin ein Leck

Nach der nach zweieinhalb Jahren erstmals im Q4 2025 erreichten Rückkehr des Konjunkturbarometers über die Nulllinie, bleibt die Lage in der OÖ. Industrie im ersten Quartal 2026 weitgehend unverändert. Während sich die aktuelle Geschäftslage vor dem Hintergrund globaler Unsicherheiten wieder etwas eintrübt und im negativen Bereich verbleibt, zeigen sich die Betriebe in ihrer Einschätzung für die kommenden sechs Monate weiterhin vorsichtig optimistisch. „Der Irankrieg zeigt in unserer Konjunkturumfrage noch keine gröberen Auswirkungen für die OÖ. Industrie“, betont der Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) Dr. Joachim Haindl-Grutsch. „Die Unternehmen gehen noch davon aus, dass die Folgen der Krise im Iran begrenzt bleiben und sich die Erholung im Laufe des Jahres fortsetzen wird.“

Globale Entwicklung: Europa und Österreich als Nachzügler

Die internationale wirtschaftliche Entwicklung verdeutlicht die strukturellen Herausforderungen des Standorts Österreich mit aller Klarheit. Während die Weltwirtschaft in der Prognose 2027 bis 20231 weiter wächst, erreicht Österreich dabei nur Rang 184 von gesamt 191 Nationen und Territorien. Die globalen Wachstumstreiber sind Indien, Indonesien oder die Türkei. Die USA und China dominieren als wirtschaftliches Duopol die globalen Märkte. China hat seinen Anteil an der weltweiten industriellen Wertschöpfung seit 1990 von 2,5 Prozent auf 30,7 Prozent gesteigert. Damit vereint ein einziges Land mittlerweile fast ein Drittel der globalen Industrieproduktion auf sich, das ist so viel wie die USA und Europa zusammen erzielen. Deutschland hat im selben Zeitraum massiv verloren und sich von 10 auf 4,8 Prozent mehr als halbiert. Österreich konnte sich vergleichsweise besser halten, fiel aber dennoch von 0,7 auf 0,5 Prozent zurück. Die USA haben sich in den vergangenen zehn Jahren vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur fossiler Energie entwickelt. Europa und China hingegen bleiben stark abhängig von Importen. China ist inzwischen der weltweit größte Energieimporteur, Europa folgt dicht dahinter. Jede Verknappung, etwa durch Konflikte rund um die Straße von Hormus, trifft damit vor allem diese Regionen.

Österreich bewegt sich somit in einem fragilen Umfeld zwischen geopolitischen Krisen, steigenden Kosten und strukturellen Schwächen. Die Konjunktureinschätzung der Betriebe bleibt unter diesen Rahmenbedingungen vage. Die positive Entwicklung speist sich derzeit vor allem aus Erwartungen, während die reale Lage weiterhin angespannt bleibt. Die Folge ist ein anhaltender Anpassungsdruck, der sich in Personalabbau und der Verlagerung von Wertschöpfung ins Ausland niederschlägt, aber auch die Innovationskräfte verstärkt anfacht.

Die Konjunktur-Ergebnisse im Detail

Die Ergebnisse der Konjunkturumfrage der IV OÖ über das erste Quartal 2026 (95 teilnehmende Firmen mit insgesamt rund 110.000 Beschäftigten) zeigen eine Stabilisierung der zuletzt eingesetzten Aufhellung. Das Konjunkturbarometer der OÖ. Industrie, welches sich als Mittelwert aus aktueller Geschäftslage und der Geschäftslage in sechs Monaten errechnet, bleibt mit +7,6 Punkten nach +7,7 im letzten Quartal nahezu unverändert. Während sich die aktuelle Geschäftslage vor dem Hintergrund globaler Unsicherheiten von -4 auf -8 Punkte wieder etwas eintrübt, zeigt sich die Einschätzung der Geschäftslage in sechs Monaten mit +23 Punkten (nach +19 Punkten) weiterhin im stabil positiven Terrain. Damit wird deutlich, dass die Zuversicht in den Betrieben trotz widriger Rahmenbedingungen weiterhin vorhanden ist, sich aber vor allem aus den Erwartungen speist.

Der aktuelle Auftragsbestand bleibt mit -4 Punkten gegenüber dem Vorquartal unverändert. Leicht verbessert zeigen sich die Auslandsaufträge, die von -12 auf -4 Punkte ansteigen. Die Einschätzung der Produktionstätigkeit in drei Monaten bleibt mit +16 Punkten (nach +15 Punkten) nahezu stabil, die Auslastung der Produktionskapazitäten geht leicht von +17 auf +12 Punkte zurück. Deutlich dynamischer entwickeln sich die Erwartungen bei den Verkaufspreisen in drei Monaten, die von +2 Punkten im Vorquartal auf +31 Punkte ansteigen und damit eine erneut aufflammende Inflationsdynamik anzeigen. Die derzeitige Ertragssituation bleibt jedoch weiterhin sehr angespannt und verschlechtert sich von -26 auf -33 Punkte. Auch die Einschätzung der Ertragssituation in sechs Monaten trübt sich trotz grundsätzlich positiver Erwartungen leicht ein und liegt mit +8 Punkten unter dem Vorquartalswert von +12 Punkten. 

Am deutlichsten zeigt sich die strukturelle Schwäche des Industriestandortes weiterhin am Arbeitsmarkt. Die Einschätzung für den Beschäftigtenstand in drei Monaten verbessert sich zwar leicht von -31 auf -27 Punkte, bleibt damit aber seit nunmehr drei Jahren tief im negativen Bereich. „Der Personalabbau in der OÖ. Industrie setzt sich fort. Die Unternehmen stehen weiterhin unter massivem Kostendruck und müssen entsprechend reagieren“, so Haindl-Grutsch. „Solange sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Standorts nicht nachhaltig verbessert, wird sich auch der Abbau von Arbeitsplätzen fortsetzen. Die schleichende Deindustrialisierung ist seit 2023 Realität. Sie zeigt sich nur deshalb abgeschwächt am Arbeitsmarkt, weil die demographische Entwicklung und der Teilzeittrend eine starke Erhöhung der Arbeitslosigkeit dämpfen.“

Umso unverständlicher wäre es, wenn bei einer echten Standortstärke gespart werden würde – der dualen Ausbildung. Eine Kürzung der Lehrstellenförderung wäre doppelt negativ, gerade weil eine hochwertige Ausbildung von Jugendlichen immer kostenintensiver wird und zahlreiche Betriebe deswegen aus der Lehrlingsausbildung austeigen. „Gerade aufgrund der dynamischen technologischen Transformation und der zunehmenden Lücken in der Schulausbildung wäre dieser Schritt widersinnig“, betont Haindl-Grutsch.

Doppelbudget: Wenn sich die Wirtschaft die Entlastung mehrheitlich selbst zahlt

Die IV OÖ begrüßt die Einigung der Bundesregierung auf die Eckpfeiler eines Doppelbudgets für 2027/2028. Ob allerdings die Zahlen für zwei Jahre halten, wird sich in volatilen Zeiten wie diesen erst weisen. Die Senkung der Lohnnebenkosten um ein Prozent ist ein richtiger und längst überfälliger Schritt, wenngleich sie erst ab 2028 erfolgen soll. Sie ist ein zentraler Hebel zur Entlastung der Unternehmen und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. „Die Wirtschaft soll sich die Senkung der Lohnnebenkosten mehrheitlich selbst bezahlen“, kritisiert Haindl-Grutsch. Die geplanten Maßnahmen zur Gegenfinanzierung, insbesondere die Fortführung der Bankenabgabe und die Anhebung der Körperschaftssteuer inklusive der systemfremden Einführung einer Progression, wird die positive Wirkung auf die Personalkosten in Österreich unmittelbar wieder deutlich reduzieren. „Sparen bedeutet nicht, ständig neue Einnahmen zu generieren“, betont Haindl-Grutsch in Richtung des Finanzministers.

Entscheidend ist dabei die nicht nachhaltige Herangehensweise der Bundesregierung. Das Boot hat weiterhin ein Leck. Die Crew schöpft ständig Wasser raus, sie arbeitet härter und schneller, das Loch im Rumpf wird aber nicht geflickt. Notwendig wären umfassende Strukturreformen etwa im Pensionssystem, im Fördersystem oder in der Verwaltung und im Föderalismus. Stattdessen dominieren kurzfristige Maßnahmen als Symptombekämpfungen, die aber die Ursachen der Probleme nicht lösen, sondern diese immer nur in die Zukunft verschieben. „Es benötigt Mut, um längst überfällige Strukturreformen entschlossen umzusetzen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts wieder nachhaltig zu stärken, es gibt keine erfolgsversprechende Alternative dazu“, so Haindl-Grutsch.

Entgelttransparenz-RL als neue Bürokratie-Lawine

Dies zeigt sich auch bei einem neuen Anschlag auf die Betriebe. Während alle von dringend erforderlichem Bürokratieabbau sprechen, kommt mit der Entgelttransparenz-Richtlinie eine zusätzliche Bürokratie-Lawine und damit massive Kostensteigerungen auf die heimischen Betriebe zu. Das Ziel ist unbestritten – entscheidend ist aber eine praxistaugliche Umsetzung ohne Gold Plating und mit klarer Anerkennung unseres bewährten Kollektivvertragssystems. Für die OÖ. Industrie ist die Verwirklichung des Grundsatzes „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ eine Selbstverständlichkeit. Mit rund 98 % Abdeckung sorgt das österreichische Kollektivvertragssystem bereits heute für transparente und nachvollziehbare Entgeltstrukturen. „Eingriffe in die gewachsenen Strukturen der Kollektivverträge haben erhebliche Sprengkraft – sie stellen die Branchenlogik infrage und schaffen unnötige Verunsicherung für Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Was als Transparenz gedacht ist, führt in der Praxis zu Lohnschnüffelei und zu einem enormen administrativen Mehraufwand in den Betrieben“, so Haindl-Grutsch abschließend.

Zur Befragungsmethode

An der jüngsten Konjunkturumfrage der IV beteiligten sich in Oberösterreich 95 Unternehmen mit rund 110.000 Beschäftigten. Bei der Konjunkturumfrage der IV kommt folgende Methode zur Anwendung: Den Unternehmen werden drei Antwortmöglichkeiten vorgelegt: positiv, neutral und negativ. Errechnet werden die (beschäftigungsgewichteten) Prozentanteile dieser Antwortkategorien, sodann wird der konjunktursensible „Saldo“ aus den Prozentanteilen positiver und negativer Antworten unter Vernachlässigung der neutralen Antworten gebildet.