Das Flugzeug wieder in den Steigflug bringen


Der neue IV-OÖ-Präsident Thomas Bründl plädiert im Interview dafür, ohne Tabus neue Wege zu gehen, um die Deindustrialisierung zu stoppen.
„iv-positionen“: Wie fließen Ihre Erfahrungen aus dem Cockpit in Ihre neue Führungsrolle in der Industriellenvereinigung OÖ ein?
Thomas Bründl: Ein wichtiger Aspekt aus der Luftfahrtbranche ist der Umgang mit Fehlern. Man kann in der Luft nicht einfach stehen bleiben und überlegen, was als Nächstes zu tun ist – stattdessen muss man frühzeitig antizipieren, was als Nächstes passieren könnte und welche Optionen zur Verfügung stehen. Das ist ein Ansatz, den ich gerne auch in der Industrie weiter verankern möchte.
Was hat Sie motiviert, das Amt des Präsidenten der IV-OÖ anzunehmen?
Eine der größten Hürden für mich selbst war mein Leitspruch: Den Berg zu erklimmen, um die Welt von oben zu betrachten, ohne selbst gesehen zu werden. Das hat sich nun verändert. Ich musste über meinen Schatten springen; aber was mich angespornt hat, ist meine positive Grundhaltung, nach Lösungen zu suchen. Ich sehe so viele kompetente Leute, die es zusammenzubringen gilt, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Laut Wirtschaftsforschern gewinnt die heimische Industrie aktuell leicht an Flughöhe. Wie sehen Sie das?
Um in der Flugsprache zu bleiben: Wir sind noch mit einem Flugzeug unterwegs, das viel zu schwer ist. Vom Durchstarten sind wir also noch weit entfernt. Die entscheidende Frage ist, welchen Ballast wir abwerfen können, um wieder nachhaltig an Höhe zu gewinnen. Ich bin daher vorsichtig, vorschnell zu sagen, dass die Konjunktur jetzt wieder anspringt.
Wie kann es die Industrie endlich aus der Rezession schaffen?
Es gibt weltweit mehr als 70 Volkswirtschaften, die mit mehr als vier Prozent wachsen. Das heißt: neue Märkte suchen, Handelsabkommen umsetzen und mit Digitalisierung und Automatisierung in einen Zyklus des Produktivitätswachstums kommen. Österreich hat sich mit den Lohn- und Gehaltssteigerungen, die fast doppelt so hoch waren wie in Deutschland, aus dem Markt gepreist. Das Geld bräuchten die Unternehmen, um zum Beispiel in künstliche Intelligenz zu investieren.
Welche Maßnahmen sind erforderlich, um die Lohn-Preis-Spirale zu durchbrechen?
Die Sozialpartner haben hoffentlich die äußerst sensible Lage erkannt, und man setzt sich jetzt nicht für einen Einjahresabschluss, sondern für einen Drei-bis-Fünfjahresplan zusammen, um dem europäischen Umfeld bei den Lohnstückkosten wieder näherzukommen. Dabei darf es keine Tabus geben – die Deindustrialisierung ist bereits im Gange!
Ist es nicht widersprüchlich, ein höheres Pensionsalter zu fordern, während ältere Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt werden?
Diesen Mühlstein der Industrie umzuhängen ist glatte Themenverfehlung; das ist rein dem System geschuldet. Die Politik lässt es zu, dass man frühzeitig in Pension gehen kann. Viele Mitarbeiter wählen den ersten Weg in die Pension – auch, weil sie Angst haben, dass sie um ihre Ansprüche umfallen, wenn sie länger arbeiten würden. Die öffentliche Hand muss hier Sicherheit schaffen. Das gesetzliche Pensionsantrittsalter anzuheben wird langfristig notwendig sein. Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky prognostiziert aufgrund des technologischen Fortschritts für die Kinder von heute eine Lebenserwartung von 120 Jahren. Was tun wir dann die 60 Jahre nach dem Berufsleben? Es ist ein Privileg, eine Aufgabe zu haben.
Die Idee eines KI-Zentrums in Oberösterreich wurde beim Industrie-Empfang prominent vorgestellt. Welche Maßnahmen sind als Nächstes geplant?
Die Menschen in Oberösterreich sollen sich nicht vor der KI fürchten, sondern – flapsig formuliert – beginnen, mit der KI zu spielen; und herausfinden, wie diese ihren Alltag einfacher machen kann. Für die Unternehmen geht es am Ende des Tages um die Senkung der Lohnstückkosten, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden – das Werkzeug KI kann da helfen.
Hat die Politik in Oberösterreich begriffen, dass es bei der KI um eine Jahrhundertchance geht?
Das Thema ist bei Landeshauptmann Thomas Stelzer sehr wohl angekommen. Natürlich geht es jetzt darum, dass das Ganze nicht auf halber Strecke stecken bleibt. Mit der JKU, Professor Sepp Hochreiter und vielen Studenten haben wir super Voraussetzungen.
Was wünschen Sie sich von der Industriestrategie, die die Bundesregierung angekündigt hat?
Ich hoffe, dass wir sie jetzt bald einmal bekommen. In den vergangenen Jahren ist kaum etwas passiert im Industriebereich. Was drinnen stehen soll? Günstigere Energie, Entlastung, einfachere Gesetze und Bürokratieabbau; vieles vom SinnlosDokumentationswahnsinn wegstreichen. Wir brauchen Mut zur Veränderung – und Anreize wie Investitionsfreibetrag und schnellere Abschreibung statt Gießkannenförderung.
Zur Energie: Landeskoalition und Wirtschaftskammer sind uneinig beim Windkraftausbau. Wie ist Ihre Position?
Ich würde mir einmal eine Strategie mit einem Gesamtkonzept wünschen. Sonst stellen wir Windräder auf und sagen dann: Oh, da fehlen ja die Netze dafür, und die Speicher.
In der Bundesregierung wird über Österreichs Ziel diskutiert, bis 2040 klimaneutral zu sein. Soll man daran festhalten oder wie die EU besser das Jahr 2050 anvisieren?
Wir brauchen nicht besser zu sein als die EU, also das Ziel sollte 2050 sein. Zehn Jahre früher wird sehr teuer und ist nicht zu schaffen.
Markus Marterbauer von der SPÖ ist seit einem halben Jahr Finanzminister. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erfahren haben?
Er ist ein profunder Finanzmensch, natürlich mit einem selektiven Narrativ. Das merke ich vor allem, wenn es Vorschläge zu neuen Steuern gibt. Wir sind jetzt schon Abgabenweltmeister. Er hat jetzt – wohl entgegen seinem Naturell – die Aufgabe, zu sparen. Dabei geht es nicht per se ums Sparen, sondern darum, Geld für die richtigen Dinge auszugeben und auch zu messen, ob es wirkt.
WIFO-Chef Gabriel Felbermayr schlägt vor, über eine „moderne, schlanke Erbschaftssteuer“ nachzudenken, um die Senkung der Lohnnebenkosten zu finanzieren. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Wir sind schon Weltmeister bei den Abgaben. Wir haben sehr viele Familienbetriebe, die an die nächste Generation übergeben. Das Geld fehlt dann zum Investieren.
Abschließend: Was ist Ihr wichtigstes Anliegen als Präsident?
Leistung muss sich lohnen. Dieses Prinzip ist sehr verständlich, nur ist es noch nicht mit Leben befüllt worden, wie man das in den verg

