Künstliche Intelligenz wird Schlüsseltechnologie

Künstliche Intelligenz wird die Wirtschaft nachhaltig verändern und in allen wesentlichen Unternehmensbereichen Anwendung finden – Verdoppelung des Wachstumspotenzials durch Produktivitätssteigerungen mittelfristig möglich – Experten stellen bei Dialog-Veranstaltung der IV OÖ klar: Künstliche Intelligenz bietet neue Möglichkeiten und schafft hochwertige Arbeitsplätze

V.l.n.r.: IV OÖ-GF Dr. Joachim Haindl-Grutsch, Dr. Franz Michael Androsch (Leiter der Konzernforschung, voestalpine AG), Prof. Dr. Michael Affenzeller (FH OÖ) und Dr. Bernhard Niedermayer (Catalysts GmbH).

Dass Künstliche Intelligenz (KI) mittelfristig in fast allen Branchen Einzug halten wird, steht für Dr. Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ) so gut wie fest: „KI hat disruptive Qualität und wird nicht nur die Industrie, sondern die gesamte Wirtschaft maßgeblich verändern.“ Bereits jetzt gebe es eine Vielzahl an KI-Technologien, die in allen wesentlichen Unternehmensbereichen – von der Forschung, Entwicklung und Innovation über die Beschaffung, Produktion bis hin zur Unternehmensorganisation sowie Marketing und Vertrieb – Anwendung finden. Die daraus entstehenden wirtschaftlichen Hebelwirkungen und Effekte sind enorm. Laut internationaler Prognosen, auf die sich Haindl-Grutsch in seinem Eröffnungsstatement einer „Industrie im Dialog“-Veranstaltung („Anwendungen Künstlicher Intelligenz in der Industrie“) im Haus der Industrie in Linz bezog, wird das globale BIP laut Prognosen bis zum Jahr 2030 durch KI-Anwendungen um 14 Prozent steigen, in unseren Landen kann es bis dahin sogar eine Verdoppelung des Wachstumspotenzials ermöglichen. Und das, obwohl Europa in Sachen KI keineswegs als „first mover“ gilt. Während in Asien bereits 15 Prozent und in den USA etwa zwölf Prozent aller wesentlichen Unternehmen bereits KI-Systeme einsetzen, sind es in der EU derzeit erst fünf Prozent. „Oberösterreichs Industrie ist in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt und könnte durch KI-Technologien einen neuen Wettbewerbsvorteil erarbeiten“, so Haindl-Grutsch.

In der OÖ. Industrie forscht derzeit eine ganze Reihe von Unternehmen mit universitären und außeruniversitären Einrichtungen an den verschiedensten Einsatzmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz. Um welche konkreten Anwendungsfelder es dabei geht und wie sich die Zukunft präsentiert, diskutierten mit Dr. Franz Michael Androsch, Leiter der Konzernforschung der voestalpine AG, Dr. Michael Affenzeller, Professor für Heuristische Optimierung und Maschinelles Lernen an der FH OÖ, und Dr. Bernhard Niedermayer, Head of Emerging Technologies und Data Driven Applications der Catalysts GmbH, drei ausgewiesene Experten.

Dr. Franz Michael Androsch berichtete, dass sich in der voestalpine AG eine ganze Gruppe von Forschern und Wissenschaftlern mit dem Themenfeld Smart Production und Industrie 4.0 beschäftigt, wo der Einsatz von KI-Systemen überhaupt erst weitere Fortschritte ermöglicht. Beispielsweise würden in der Feuerverzinkung KI-Algorithmen in der Oberflächenanalyse klare Vorteile bieten, indem sie monatelange Lernphasen von Mitarbeitern obsolet machen und die Qualität bzw. die Fehleridentifikationsrate massiv erhöhen. Künstliche Intelligenz komme auch bei der Auftragserfassung zum Einsatz und habe bei der jüngsten Hochofenzustellung in Linz eine 97-prozentige Treffsicherheit bei der Planung der Vorproduktion ermöglicht. Insgesamt sei KI ein weiteres Tool aus der Werkzeugkiste der Digitalisierung, um noch effizienter zu werden. Eine völlige „Durchautomatisierung“ auf KI-Basis sei derzeit aber noch in weiter Ferne. „Ein KI-System ist immer nur so gut wie die Qualität der ihr zugrundeliegenden Daten“, stellte Androsch klar. Aktuell bestünden klare Vorteile des KI-Einsatzes bei sehr komplexen Prozessen, wie sie beispielsweise im Hochofen ablaufen. Auch auf der Produktseite sei die voestalpine AG durch Künstliche Intelligenz immer wieder überlegen. Allerdings komme dadurch auch dem Thema Datensicherheit eine zentrale und ganz entscheidende Rolle zu.

Dr. Michael Affenzeller von der FH OÖ erzählte, dass KI am Campus Hagenberg in vielfältiger Weise und fakultätsübergreifend erforscht wird. Ein starker Fokus liege dabei auf dem Bereich Machine Learning, wobei Österreich und Europa sich nicht zwangsläufig hinter Asien zu verstecken habe. Der wesentlich häufigere Einsatz von KI-Systemen durch Unternehmen beruhe dort auch auf dem Umstand, dass viele Produktionen zuletzt „auf der grünen Wiese“ errichtet wurden und KI-Systeme eben gleich vorgesehen wurden. Affenzeller wies der Weiterentwicklung von KI eine entscheidende Zukunftsrolle zu, outete sich aber als Skeptiker, was die Entwicklung und flächendeckende Umsetzung einer „starken KI“ – also eines KI-Systems, das sich selbstständig mit unterschiedlichen anderen Systemen vernetzt und selbstständig Erlerntes auf andere Bereiche übertragen kann – betrifft. „Selbst bei der ‚halbstarken KI‘, bei der Vernetzung einzelner Systeme untereinander, sind derzeit nur Lösungen in Spielzeugdimensionen in Sicht. Eine Anwendung so hoch entwickelter Systeme in der Produktion wird es während meines beruflichen Lebens bestimmt nicht geben“, so Affenzeller.

Ähnlich sah es auch KI-Experte Dr. Bernhard Niedermayer von der Catalysts GmbH. Bei selbstlernenden KI-Systemen sei die verantwortungsvolle Herangehensweise von besonderer Bedeutung. Obwohl die technische Entwicklung rasant voranschreite, befinde sich etwa der breite Einsatz von vollautonomen Fahrzeugen immer noch erst in sehr weiter Ferne. Andererseits hätte die sogenannte Software der Zukunft – wie z.B. die automatisierte Bilderkennung und -verarbeitung oder die Sprachverarbeitung – längst Einzug in die privaten Haushalte gehalten. „Wenn es sich nur bei der Erfindung des Verbrennungsmotors und des elektrischen Stromes und echte Revolutionen handelte, dann kann die Künstliche Intelligenz in ihren Folgen als die neue Elektrizität gesehen werden“, meinte Niedermayer. Die Bereitstellung von Vorauswahlen durch KI-Systeme, die damit bei der Optimierung und Verbesserung von Entscheidungen assistieren, sei bereits gang und gäbe. Die große Stärke von Künstlicher Intelligenz liege derzeit vor allem in der Möglichkeit, Dinge in kurzer Zeit „auszuprobieren“ und zu errechnen, wofür dem Menschen schlichtweg die nötige Zeit fehlt. Auch wenn Niedermayer bei den amerikanischen und asiatischen Daten-Riesen wie Google oder Amazon deutlich mehr Geld vorhanden sieht, um im IT-Bereich die besten Köpfe einzukaufen, ist Österreich aus seiner Sicht in Sachen KI ganz gut aufgestellt: „Ein Forschungsteam besteht nicht nur aus einem führenden Kopf, sondern immer aus mehreren, interdisziplinär agierenden Menschen.“

In einem Bereich herrschte aber jedenfalls Einigkeit unter den Experten: Sämtliche Ängste, Künstliche Intelligenz werde den Menschen die Arbeit wegnehmen, seien unbegründet. Zweifellos werde im Produktionsbereich der eine oder andere minderqualifizierte Job wegfallen, unter dem Strich würden aber deutlich mehr höherqualifizierte Arbeitsplätze entstehen. „In der voestalpine wurde schon bisher überall dort automatisiert, wo es nur irgendwie möglich war. Trotzdem ist die Zahl der Mitarbeiter stetig gestiegen“, erklärte dazu Dr. Franz Michael Androsch. Und auch IV OÖ-Geschäftsführer wies auf die ungebrochen hohe Bedeutung der richtig qualifizierten Mitarbeiter hin: „Die Digitalisierung ist schon seit langem im Laufen. Trotzdem haben wir in Österreich eine niedrige Arbeitslosigkeit und einen immer weiter zunehmenden Fachkräftemangel. Wenn die Prognosen über die KI-bedingte Zunahme des Wirtschaftswachstums stimmen, haben wir im Jahr 2030 einen noch einmal wesentlich höheren Fachkräftemangel als heute!“

Linz, 04. Dezember 2018

Kontakt

DI Dr. Joachim Haindl-Grutsch

Geschäftsführer, Industriepolitik, Industriellenvereinigung Oberösterreich

T +43 732 781976 16
joachim.haindl-grutsch@iv.at


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