Europa und seine Industrie: Was braucht es, um die schleichende De-Industrialisierung zu stoppen?

Kluge Energie- und Klimapolitik, Abbau der Bürokratie mehr Innovationskraft: Europa braucht mehr Industrie! Industriequote in Europa sinkt trotz Re-Industrialisierungsziel – Schleichende Abwanderung der energieintensiven Industrie muss unbedingt gebremst werden – Rückgang der Investitionen lässt Lücke in Größenordnung von 300 Mrd. Euro entstehen – Europa braucht eine professionelle Industriepolitik, um wieder mehr Investitionen zu ermöglichen

Dr. Franz Gasselsberger, GD der Oberbank AG, Dr. Wolfgang Eder, CEO der voestalpine AG, Präsident des Weltstahlverbandes, Dr. Emma Marcegaglia, Präsidentin von BUSINESSEUROPE, IV OÖ-Präsident Dr. Axel Greiner und IV OÖ-GF Dr. Joachim Haindl-Grutsch

Europas Industrie und damit Europa selbst befinden sich am Scheideweg. Obwohl „Industriepolitik“ allerseits propagiert wird und die Bedeutung der Industrie wieder anerkannt wird, ist Europa weit davon entfernt, seine Industriequote auf das von der Kommission gesteckte Ziel von 20 Prozent des BIP bis zum Jahr 2020 anzuheben. Tatsächlich ist die Industriequote seit Festschreibung des EU-Ziels weiter auf 15 Prozent des BIP zurückgegangen. Einstige „Industrie-Großmächte“ wie Frankreich, England oder auch Spanien sahen sich in den letzten 15 Jahren mit einer rasanten De-Industrialisierung konfrontiert. Die gute Nachricht ist, dass Deutschland und Österreich ihre Industriequoten in etwa beibehalten konnten.

Gleichzeitig fiel aber auch der europäische Anteil an der weltweiten industriellen Wertschöpfung auf aktuell etwas mehr als ein Viertel, während aufstrebende Wirtschaftsmächte in Asien ihren Anteil signifikant steigern konnten. Dennoch sind in Europa weiterhin über 30 Mio. Menschen direkt in der Industrie beschäftigt, 20 Mio. weitere Arbeitsplätze befinden sich in Zulieferunternehmen. „Somit sind über direkte und indirekte Beschäftigung insgesamt mehr als 50 Mio. Arbeitsplätze der Industrie zuzurechnen“, skizziert Dr. Axel Greiner, Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV OÖ), die Bedeutung der Industrie als treibende Wirtschaftskraft in Europa.

Umso bedenklicher ist es, dass Europa in vielen internationalen Rankings zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Gemäß den Einschätzungen des World Economic Forums beispielsweise liegen selbst die europäischen Spitzenreiter klar hinter den USA, und nur die wenigsten EU-Staaten werden wettbewerbsfähiger als aufstrebende Ökonomien in Asien gesehen. „Österreich rangiert nur an der 21. Stelle, auch in den Analysen der Europäischen Kommission wird unserem Industriestandort eine rückläufige Wettbewerbsfähigkeit konstatiert“, gibt sich Greiner besorgt. Sowohl die Europäische Union als auch die einzelnen Nationalstaaten müssten daher ihre Hausaufgaben machen, um Wachstum zu generieren und im Wettbewerb der Industriemächte USA - China - Europa zu bestehen.

Ohne die Errungenschaften des Binnenmarktes in Frage zu stellen, bringe die EU laut Greiner ein Übermaß an administrativen Hürden mit sich. Im Sinne des „better regulation“-Ansatzes solle daher die europäische Politik bürokratische Hürden besser begrenzen. „Nach Schätzungen der EU-Kommission belaufen sich die jährlichen Kosten aufgrund des administrativen Mehraufwandes durch EU-Gesetzgebung auf rund 124 Milliarden Euro. Der aktuelle Bericht der ‚EU-Taskforce für Investitionen in Europa’ zeigt auf, dass eine Reduktion des administrativen Mehraufwandes um zehn Prozent mittelfristig die Investitionsquote um 0,6 Prozentpunkte und das EU-BIP um 0,8 Prozentpunkte erhöhen könnte“, erklärt Greiner.

Doch auch die Nationalstaaten müssten ihre Hausaufgaben machen und neben der Staatsverschuldung die Zukunftsthemen Bildung, Forschung und Infrastruktur in Angriff nehmen. Weiters sei es auch die Aufgabe der Mitgliedsländer, die Bürokratisierung zu stoppen und den administrativen Aufwand zu senken. Das gelte insbesondere für Österreich, wie Greiner betont: „Es sind nicht immer die EU-Richtlinien schuld am Golden Plating, sondern die heimische Umsetzung, die den gesamten Verwaltungsaufwand explodieren lässt!“

Dr. Wolfgang Eder, CEO der voestalpine AG:

Investitionstätigkeit fördern, Arbeitskostenanstieg einbremsen!

Woran es liegt, dass der Industriestandort Europa in puncto Wirtschaftswachstum deutlich hinter die USA zurückgefallen ist, liegt für Dr. Wolfgang Eder, CEO der voestalpine AG und Präsident des Weltstahlverbandes auf der Hand. Ein zentraler Grund besteht darin, dass Investitionen in Europa im Gegensatz zu allen anderen wesentlichen Wirtschaftsregionen nicht mehr das Vor-Krisen-Niveau erreichen. Öffentliche und private Investitionen beliefen sich 2013 auf nur 19,3 Prozent des BIP und lagen damit etwa zwei Prozentpunkte unter ihrem historischen Durchschnitt vor den Boom- und Krisenjahren. „In Europa ist eine Investitionslücke in einer Größenordnung von rund 300 Mrd. Euro gegenüber den langfristigen Trends entstanden“, so Eder. Besonders stark seien in Europa die durchschnittlichen jährlichen Investitionen im Produktionssektor gesunken (2008-2013 verglichen mit 2002-2007 um -14 %), während diese in anderen Regionen zunahmen (asiatische Länder +92 %, USA +4 %).

Besonders bedenklich ist dabei, dass vor allem bei der energieintensiven Basisindustrie – der Grundlage aller Wertschöpfungsketten - längst eine schleichende Abwanderung aus Europa – und hier insbesondere aus Deutschland und Österreich – eingesetzt hat. Wie eine Studie des deutschen Handelsblatt Research Institute aufzeigt, steigert die energieintensive Industrie ihre Direktinvestitionen im Ausland, während sie im Inland weniger investiert als sie abschreibt und damit den Kapitalstock schrumpfen lässt. Die jährlichen Investitionen der energieintensiven Industrie in Europa sind zuletzt um 15 Prozent gesunken, während sie beispielsweise in Japan um 11 Prozent und in den USA um 13 Prozent gestiegen sind. Diese Zahlen stellen auch ein Indiz für die unter dem Namen „Carbon Leakage“ bekannte Problematik dar, dass die Produktion bei einseitig steigenden Umweltauflagen in Länder mit geringeren Auflagen bei damit aber gleichzeitig gesamtheitlich steigenden Emissionen ausgelagert wird, es kommt damit auch zu einem „Investitions-Leakage“.

Kluge Energie- und Klimapolitik der EU notwendig

In hohem Maße bestimmend für die Zukunft der europäischen Industrie sei letztlich laut Eder die Energie- und Klimapolitik der EU. Für Unternehmen aus energieintensiven Branchen sei naturgemäß die Höhe der Energiekosten ein entscheidender Faktor. „Umso problematischer ist, dass europäische Unternehmen mit im internationalen Vergleich nicht konkurrenzfähigen Energiekosten zu kämpfen haben. Die Preise für Erdgas sind im Vergleich zu den USA, Indien oder Russland drei bis viermal so hoch, die Strompreise zum Teil mehr als doppelt so hoch wie in den USA und immer noch um 20 Prozent höher als in China.“ Es sei daher nicht verwunderlich, dass die Internationale Energieagentur davon ausgeht, dass Europa bis 2035 zehn Prozent seines Anteils am weltweiten Export von energieintensiven Gütern verlieren wird. In enger Verbindung mit der Energiepolitik ist auch die Klimapolitik zu sehen. Es geht dabei natürlich vor allem um das CO2-Thema bzw. die durch den Emissionszertifikate-Handel verursachte einseitige Verteuerung europäischer Produkte.

„Solange kein globales Klimaschutzabkommen erreicht wird und sich andere Regionen nicht zu vergleichbaren Klimaschutzauflagen wie die EU verpflichten, sind Schutzmechanismen für die im internationalen Wettbewerb befindlichen europäischen Unternehmen unerlässlich!“ Als Grundprinzip müsse laut Eder gelten, dass die vergleichsweise CO2-arme Produktion in Europa nicht länger einseitig pönalisiert werden darf. Auch hinsichtlich der Strom- und Gaspreise müsse sich die europäische und nationale Politik zur Begrenzung der politisch bedingten Anteile von Energiekosten durchringen. „Insbesondere darf sich die Förderung erneuerbarer Energien nicht weiter negativ auf die Kosten der Industrie auswirken: „Mittelfristig muss die Förderung noch nicht marktreifer erneuerbarer Energietechnologien im Sinne eines kosteneffizienten und letztlich marktbasierten Systems EU-weit harmonisiert werden“, fordert der CEO der voestalpine.

„Die fehlende Planbarkeit in der Energie- und Klimapolitik führt beinahe zwangsweise zu einer Abwanderung der energieintensiven Produktionen und in weiterer Folge von ganzen Wertschöpfungsketten in Länder mit langfristig besser kalkulierbaren Rahmenbedingungen. Welche Auswirkungen es alleine für Oberösterreich hätte, wenn ‚Carbon Leakage’ einsetzt, haben wir bereits berechnen lassen: Bei einer Abwanderung der energieintensiven Betriebe sind alleine in unserem Bundesland direkt und indirekt bis zu 160.000 Arbeitsplätze gefährdet!“

Geringe Produktivitätszuwächse, zunehmende Arbeitskosten

Ein weiteres Problem identifiziert Eder bei der in Europa auseinandergehenden Schere zwischen geringer werdenden Produktivitätszuwächsen bei gleichzeitig deutlich zunehmenden Arbeitskosten. „Die Arbeitskosten in der Sachgütererzeugung inklusive Steuern und Abgaben zeigen etwa in den USA seit dem Jahr 2000 einen beträchtlich anderen Verlauf als in Europa“, betont Eder. Niedrige Lohnstückkosten machten US-Exporte in den vergangenen Jahren preislich äußerst wettbewerbsfähig, nachdem sie bis 2001 noch über dem österreichischen oder etwa auch französischen Niveau gelegen sind. Die Arbeitszusatzkostenquote in der Sachgütererzeugung beträgt in den USA rund 49,2 Prozent, in Österreich 93 Prozent. Daher sei es unerlässlich, den Anstieg der Arbeitskosten zu bremsen und an die Produktivitätszuwächse anzupassen. „Forderungen nach einer sechsten Urlaubswoche oder nach einer Reduzierung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, wie wir sie zuletzt hier in Österreich gehört haben, sind jedenfalls kontraproduktiv, weil sie die Produktivität weiter verringern und die Arbeitskosten bzw. die Lohnstückkosten noch weiter erhöhen würden“, erklärt Eder.

Chancen durch Digitalisierung

Parallel dazu kommt die Innovationskraft in Europa nicht an jene anderer globaler Wettbewerber heran. „Die europäischen Ausgaben für F&E stagnieren seit Jahren bei zwei Prozent des BIP und liegen damit nicht nur klar unter dem EU-Ziel von drei Prozent, sie sind auch entscheidend niedriger als etwa in Japan (3,4 %) und in den USA (2,8 %). „Österreich gehört zwar zu den innovativen Ländern in Europa, wird aber nicht als ‚Innovation Leader’ sondern gerade noch als ‚Innovation Follower’ gesehen“, erklärt Eder. Dies alles vor dem Hintergrund, dass die Industrie in Europa immer noch die Hauptantriebsfeder für Innovation darstellt. „Die europäische Industrie steht für 65 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen und für 50 Prozent der innovativen Investitionen“, fordert Eder daher ein Umfeld für die Industrie, das ihr auch eine entsprechende Umsetzung ihrer Potentiale ermöglicht.

Gerade auch im digitalen Bereich gelte es, Potenziale zu heben. Das Thema Industrie 4.0 ist längst in Umsetzung, der Gesamteffekt einer erfolgreichen Digitalisierung für die europäische Industrie wird mit 1,25 Billionen Euro in den nächsten zehn Jahren beziffert. Für die vierte industrielle Revolution brauche es laut Eder eine innovative und forschungsorientierte Industrie. „Europa ist mit seiner Automobil- und Maschinenbau-Industrie, aber auch einer Reihe weiterer Industriesegmente, stark in der Hardware, während die USA den Software-Bereich dominiert, was für den Themenbereich Industrie 4.0 ein entscheidendes Know-how darstellt. Europa muss seine Technologiekompetenz in diesem Bereich noch ausbauen, damit wir die mit der vierten industriellen Revolution verbundenen Chancen wirklich nutzen können und Industrie 4.0 auch in Europa zur Job-Maschine wird“, betont Eder abschließend.

Rückfragehinweis:
Industriellenvereinigung Oberösterreich
Dipl.-Ing. Dr. Joachim Haindl-Grutsch, j.grutsch@iv-net.at
Tel. (0732) 781 976-0

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