Österreich braucht Leistungsanreize statt Inaktivitätsfallen

Der Fachkräftemangel macht Fehlentwicklungen in den Bereichen Bildung, Sozialtransfers, Steuern und Abgaben sichtbar und erfordert eine intensive gesellschaftspolitische Diskussion über Leistungsorientierung und Wohlstandsvermehrung.

Der Fachkräftemangel ist das dominierende Thema in der aktuellen Hochkonjunktur, wird aber auch als die größte Herausforderung für die Betriebe der nächsten Jahre eingestuft. Unternehmen haben immer größere Probleme, richtig qualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu finden. Woran das liegt, hat viele Facetten. Einige davon wurden heute Mittag im Rahmen der Veranstaltung „Industrie im Dialog: Falsche Qualifikation – fehlende Motivation?“ erörtert. Im Haus der Industrie in Linz diskutierten LH-Stv. Dr. Manfred Haimbuchner, AMS OÖ-Expertin Maria Brunner, Landesschulinspektor HR Mag. Wilfried Nagl, Tischtennis-Europameisterin Liu Jia und IV OÖ-Geschäftsführer Dr. Joachim Haindl-Grutsch.

Österreich hat sich nach dem 2. Weltkrieg aus der Armut zu einem der reichsten Länder der Welt hochgearbeitet. Die heutige Wohlstandsgesellschaft führt jedoch dazu, dass einerseits das Streben nach beruflichem Aufstieg von Freizeitorientierung und der sogenannten „Work-Life-Balance“ abgelöst wird und andererseits staatliche Anreize für Mehrleistung fehlen sowie im Gegenteil sogar Inaktivitätsfallen eingebaut sind. Das betrifft das Steuersystem ebenso wie das Sozialsystem: Österreich hat die fünfthöchste Abgabenbelastung auf Einkommen in der OECD inklusive kalter Progression, eine überdurchschnittliche Besteuerung von Überstunden und Leistungsprämien sowie Fehlanreize im Sozialsystem, die das Nicht-arbeiten attraktiver machen. Trotz Hochkonjunktur ist die Sockelarbeitslosigkeit in Österreich hoch, während Unternehmen auch für einfache Tätigkeiten keine Mitarbeiter finden und auch viele Lehrberufe keine Nachfrage erfahren.

Im heimischen Bildungssystem fehlen Lenkungsmaßnahmen, um die Qualität der Lehrerausbildung wie auch des Unterrichts sicherzustellen und mit einer professionellen Bildungs- und Berufsorientierung richtig qualifizierte Absolventen in ausreichender Anzahl hervorzubringen. Gleichzeitig müssen die Eltern wieder stärker an ihre Verantwortung erinnert werden, die Kinder zu fordern und zu fördern, statt ihnen jegliche Hürden aus dem Weg zu räumen.

Neben einer besseren bildungspolitischen Steuerung und steuerpolitischen Anreizmechanismen braucht Österreich dringend eine intensive gesellschaftspolitische Diskussion über den Stellenwert von Leistung und Eigenverantwortung in unserer Gesellschaft. Ein Relaunch der Marke Österreich ist erforderlich, damit unser Land wieder stärker aufgrund seiner Leistungen und Möglichkeiten und weniger aufgrund seines sozialen Netzes international attraktiv ist. Dazu ist anstelle der Verantwortungsübertragung an den Staat auch wieder Eigenverantwortung des Einzelnen und der Eltern für ihre Kinder gefragt.

Gerade am Beispiel von Tischtennis-Europameisterin Liu Jia lässt sich ableiten, dass aufstrebende Länder wie China, Südkorea oder Singapur einen enormen gesellschaftlichen Drang und politischen Druck zum wirtschaftlichen Aufstieg aufweisen, der im Vergleich zu europäischen Maßstäben als extrem eingestuft wird. Auch wenn asiatische Verhältnisse bei uns kulturell nicht vorstellbar sind, so stehen wir doch vor der Herausforderung, uns im internationalen Wettbewerb gegen diese Länder durchsetzen zu müssen. Dazu muss es auch bei uns wieder besser gelingen, konsequentes Lernen an den eigenen Fähigkeiten stärker in den Mittelpunkt zu stellen und Mehrleistung erstrebenswert zu machen.

Kontakt

DI Dr. Joachim Haindl-Grutsch

Geschäftsführer, Industriepolitik, Industriellenvereinigung Oberösterreich

T +43 732 781976 16
joachim.haindl-grutsch@iv.at


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