Die Mega-Herausforderung

„Das Ende der Arbeitslosigkeit?“ lautete der Titel einer IV-OÖ-Dialogveranstaltung, die einmal mehr verdeutlichte: Das Finden von Arbeitskräften ist für alle Branchen die mit Abstand größte Herausforderung in OÖ in diesem Jahrzehnt.

Für das 21. Jahrhundert wurde vielfach das Ende der Arbeit prognostiziert, die aktuelle und zukünftige Situation zeigt aber eine völlig gegenteilige Entwicklung. Wie eine digitale Diskussionsveranstaltung der IV-OÖ-Reihe „Industrie im Dialog“ mit FACC-CEO Robert Machtlinger, JKU-Professor Markus Hohenwarter und der stellvertretenden AMS OÖ-Geschäftsführerin Iris Schmidt klarlegte, wird der Arbeitskräftemangel in hochentwickelten Industrieregionen wie Oberösterreich kurz-, mittel- und langfristig wie auch branchenübergreifend zum zentralen Hemmnis für eine prosperierende Entwicklung des Standortes. Nicht nur in der Industrie fehlt es an Arbeitskräften, auch im Dienstleistungsbereich und der öffentlichen Hand. „Damit zeigt sich aber auch, dass Fortschritt Arbeit schafft und nicht Arbeitslosigkeit“, erklärte in diesem Zusammenhang IV-OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch. Neben der weiteren Automatisierung und Digitalisierung von Wertschöpfungsprozessen sei es daher notwendig, dass in Oberösterreich alle Potenziale wesentlich konsequenter ausgeschöpft werden, um weiteres Wachstum in diesem Jahrzehnt zu ermöglichen.

Den gesamten Teich abfischen

Die stellvertretende AMS OÖ-Geschäftsführerin Iris Schmidt appellierte in diesem Zusammenhang an die Unternehmen, den gesamten Teich abzufischen. Die Arbeitssuchenden von heute seien nicht mehr jene von morgen – der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit sei gestoppt und zuletzt wieder rückläufig, ein Großteil der Arbeitssuchenden nehme sehr rasch wieder eine Beschäftigung an oder habe eine Arbeitstätigkeit bereits geplant.

Um dem ungebremsten Personalbedarf entgegenzuwirken, müsse ein ganzer Strauß an Maßnahmen in Angriff genommen werden.

Aus Sicht der OÖ. Industrie sind Verbesserungen in der Schulausbildung mit stärkerem Fokus auf die Grundkompetenzen, praxisnäherem MINT-Unterricht und der Vermittlung von Digitalkompetenzen in allen Schulzweigen sowie besserer Bildungs- und Berufsorientierung erforderlich. Am Arbeitsmarkt gilt es, das umfassende Potenzial bei der Erhöhung der Frauenbeschäftigung zu heben, Anreize für die längere Beschäftigung älterer Mitarbeiter zu setzen und das Augenmerk stärker auf den qualifizierten Zuzug zu legen.

Rasche Anpassung wird wichtiger

FACC-CEO Robert Machtlinger sprach zudem die hohe Geschwindigkeit der Transformation an – die Suche nach Fachkräften sei kein neues Themengebiet, aber mit signifikanten Veränderungen im Kompetenzbereich verbunden. Die zentrale Herausforderung bestehe darin, sich entsprechend schnell anzupassen. FACC habe zwischen den Jahren 2010 und 2019 nicht nur 500 Mio. Euro in Technologien und Standorte investiert, sondern im selben Zeitraum auch 2.200 Arbeitsplätze geschaffen. Ein wichtiger Schritt sei auch die Erhöhung des Frauenanteils von 20 auf mittlerweile 30 Prozent gewesen, heute würden die Mädchen bereits die Hälfte aller FACC-Lehrlinge stellen.

Fortschritt schafft Arbeit und nicht Arbeitslosigkeit.

Growth Mindset statt Fixed Mindset

Univ.-Prof. Markus Hohenwarter, Leiter der Abteilung für MINT-Didaktik an der JKU, ging auf die Faktoren für die Berufswahl im MINT-Bereich ein: „Neben dem Wissen über und dem Image von MINT-Berufen komme es auch stark auf die Fähigkeitsüberzeugungen im MINT-Bereich an.“ Hierbei unterschied er zwischen dem „Fixed Mindset“, wonach MINT-Begabung angeboren sei, und dem „Growth Mindset“, bei dem davon ausgegangen wird, MINT-Kompetenzen könnten durch Üben und Fleiß verbessert werden. „Um mehr MINT-Nachwuchs zu gewinnen, muss vor allem das Growth Mindset gefördert werden“, meinte Hohenwarter.

Laut IV-OÖ-Geschäftsführer Joachim Haindl-Grutsch benötige es auch gesellschaftspolitische Initiativen, die den Wert eines erfüllten Arbeitslebens in den Vordergrund rücken, anstatt durch Diskussionen über Arbeitszeitverkürzungen oder die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens das Problem des Arbeitskräftemangels weiter zu verschärfen und damit die Zukunftsfähigkeit von Oberösterreich zu gefährden. „Mehr und nicht weniger arbeiten muss sich in jeder Hinsicht lohnen“, hielt daher Haindl-Grutsch in seinem Resümee fest.